Als AutorIn darf ich alles – Stimmt das?

Hallo und herzlich Willkommen auf meinem Blog.

Heute geht es (mal wieder) um Gay-Romance.

Seufz Ich lerne nicht dazu, oder?

Nein, tatsächlich ist diese Sparte nur ein Teil des Beitrages, weil ich heute gerne mit euch über Minderheiten in der Literatur sprechen möchte. Besser gesagt über Own-Voice-Literatur und die Gründe, warum man darüber überhaupt so stark diskutieren kann.

Vorab ein sehr langer Disclaimer (weil ich dazu lerne). Dieser Artikel richtet sich in keinster Weise gegen Einzelpersonen. Ich spreche hier aus meiner Perspektive über ein Problem und versuche dabei, trotz meines Bias, beide Seiten klar darzustellen. Niemand, wirklich niemand, wird hiermit direkt angesprochen. Auch nicht die Menschen, die in letzter Zeit in Diskussionen über das Thema verwickelt wurden. Ich schreibe das so deutlich, weil das bei meinem letzten Artikel von manchen als persönliche Attacke wahrgenommen wurde.
Weiterführend weiß ich, dass nicht ALLE Bücher aus den Sparten, die ich hier anspreche so sind, aber genug um diesen Artikel zu rechtfertigen. Und das reicht mir. Wenn ihr in dieser Art schreibt und euch generalisiert fühlt – Willkommen im Club. Aber ich meine wirklich NUR die Bücher, die in die Schemen fallen, die ich hier anspreche. Nicht. Alle. Bücher. Aus. Einem. Genre.
Und als letzten Punkt mache ich an dieser Stelle klar, dass ich in diesem Text über Minderheiten im Generellen, also auch den Umgang mit Kulturen/Hautfarben, Behinderungen und Transpersonen sprechen werde, ich selber jedoch europäische Features habe und cis/ablebodied bin. Dementsprechend gerne werde ich über Aussagen Kulturen/Hautfarben/etc betreffend belehrt. Wenn ich Blödsinn über ‚eure‘ Minderheit schreibe sagt es mir.
So.

Was darf man als AutorIn und was nicht?

Die Frage wandert seit der PAN18 immer wieder durch meine Timeline, was ich interessant finde. Allein von der Formulierung ausgehend, ist klar, dass man theoretisch alles darf. Klar, wer will einen aufhalten?

Die Frage ist eher, wie man als AutorIn mit gewissen Themen umgehen sollte. Wobei auch ‚sollte‘ sehr hart formuliert ist. Ich glaube das viel, dieser Diskussion, allein aus der Wortwahl stammt. In diesem Artikel versuche ich also darzulegen, wieso man bei manchen Themen nicht alles schreiben ‚darf‘ und wieso ich das so sehe.

Ein Teil dieser Frage ist der Umgang mit Minderheiten. Wie sollte man als AutorIn mit Minderheiten in den eigenen Büchern umgehen, wenn man selber kein Teil dieser Minderheiten ist? Ein Buch, in dem alle weiß, jugendlich, gesund, cis hetero und im Extremfall männlich sind, wird früher oder später Kritik ernten, weil es nicht sonderlich inklusiv ist.

Man darf das natürlich trotzdem schreiben (und viele tun es auch), aber es ist klar, dass Leute sich die Frage stellen, wieso man keine Minderheiten einbaut.

Was ist nun aber mit AutorInnen, die aus der Sicht einer Minderheit schreiben, der man selber nicht angehört und dann von besagter Minderheit kritisiert wird?

Hier bilden sich zwei Lager:

Die einen sagen, dass Phantastik, bzw. Literatur allgemein, nicht realistisch sein muss. Die kreative Freiheit erlaubt es einem, Dinge zu erfinden wie man möchte. Gerade Bücher über männlich-homosexuelle Romanzen verkaufen sich noch dazu extrem gut. Hinzu kommt, dass ein „du darfst das nicht“-Verbot nicht nur lächerlich ist, sondern für manche auch Zensur gleichkommt. Ein erwachsener Mensch kann Bücher schreiben und veröffentlichen, wie er/sie/nb möchte.

Das ist auch alles richtig. Verbote sind allgemein unhilfreich und patronisierend. Es gibt jedoch ein Problem mit der Sichtweise, dass man uneingeschränkt einfach über alles und jeden so schreiben darf wie man möchte.

Denn was viele vergessen ist, dass die Minderheit, über die man schreibt, real existiert und das Geschriebene lesen kann. Es ist für diese Menschen offensichtlich verwirrend, wenn sie ein Buch über ihre Kultur oder Sexualität lesen und dann feststellen, dass absolut nichts davon stimmt.

Stellt euch vor man schreibt ein Buch über Deutsche und sagt darin, dass Deutsche nur Sex im Dunkeln haben und Samstags rote Hüte tragen. Da würden sich alle deutschen Leser ja auch verarscht fühlen. Und wenn man das kritisiert kommt die Antwort „ich darf schreiben was ich will.“ Klar, okay. Generell kein Problem. Jetzt stellt ihr aber fest, dass der/die Autorin aus China kommt und dort 90% der Bücher über Deutsche so geschrieben sind. Das geht so weit, dass ihr nicht nach China reisen könnt, ohne auf euren roten Hut angesprochen zu werden. Leute kommen auf ein zu und machen Witze mit euch, über den Sex den ihr habt. Ohne euch wirklich zu kennen. Denn die Informationen, die in den Büchern vermittelt werden sind so normalisiert, dass es als okay angesehen wird, jeden Deutschen auf private Details anzusprechen. Was anfangs noch unwichtig und irgendwie witzig war, wird jetzt nervig und immer mehr zu einem Problem.

So geht es Minderheiten. Manche ‚Fakten‘ werden generalisiert. Es haben sicher viele Deutsche nur Sex im Dunkeln, aber lange nicht alle. Zumal nicht nur Deutsche Sex im Dunkeln haben. Manche ‚Fakten‘ sind kompletter Blödsinn, wie das mit dem roten Hut.

Beispiele hierfür sind ‚Scissoring‘ bei Lesben/BiFrauen und die ‚kurz mit den Fingern aufwärmen und dann kanns direkt losgehen‘-Methode bei Schwulen/BiMännern. Ich wurde mal von einer wildfremden Frau gefragt, wie ich mit meiner damaligen Partnerin Sex habe, wo ich doch lange Fingernägel habe. Sie hat das irgendwo gelesen und war neugierig. Es war so normal für sie, mich über ein extrem privates Detail zu befragen, weil sie mich nicht als Person, sondern als Vertreter meiner Minderheit gesehen hat.

Ich nutze nur Beispiele aus meiner eigenen Community, weil ich mich nicht wohlfühlen würde, über Stereotypen anderer Minderheiten zu schreiben. Aber etwas, was eine gute Freundin von mir aus Südafrika furchtbar findet, ist der ‚alle schwarzen Frauen haben die selbe Art von Haarstruktur‘-Stereotyp. Sie hat mir dann die Tabelle gezeigt, die von 1 zu 4C reichte und ich verstand, was sie meinte. (Link zum Verständnis) Ein weiteres Beispiel ist ‚alle Transpersonen wollen die Umwandlungsoperation‘.

Die Aussage „ich darf alles, was ich möchte“ stammt von den Privilegien, die man als AutorIn hält. Du darfst über Minderheiten schreiben wie du möchtest, weil du von den Folgen nicht betroffen bist. Dir kann es egal sein, wenn Falschinformationen und Stereotypen die Runde machen.

Wie baut man also Minderheiten ein? Denn wie wir oben schon gesehen haben, geht es auch nicht ohne. Schreibt man aus deren Sicht oder lässt man sie als Randfiguren stehen?

Wenn man sie als Nebenfiguren schreibt, gibt es oft die Gefahr, dass man sie als ewigen Sidekick oder Lückenfüller einsetzt. Ein guter Trick um sich davor zu schützen ist: Gebt ihnen Charakter. Denn oft wird sich über Minderheitensidekicks beschwert, da sie austauschbar sind.

Wenn ihr unbedingt aus der Sicht einer Minderheit schreiben wollt ist eine Möglichkeit, das Hauptthema nicht um ein typisches Problem der Minderheit aufzubauen. Schreibt über eine Transfrau, wie ihr über eine Cisfrau schreiben würdet. Recherchiert, damit ihr keine wichtigen tagtäglichen Dinge ignoriert, aber zentriert euch nicht auf das Problem ‚wie erzähle ich es meinen Eltern‘ oder ‚wie bezahle ich die Umwandlung, die ich vielleicht möchte‘.

Sprecht mit Leuten. Sucht euch Testleser, die euch auf Fehler hinweisen. Recherchiert und baut eure Figuren realistisch auf, auch wenn ihr phantastisch schreibt (einen Drachen kann man sich komplett neu erfinden, weil es keine Drachen gibt. Ein schwuler Mann ist kein Drache. Die gibt es wirklich.) und kämpft mit ihnen in epischen Schlachten, mietet eine zwei Zimmer-Wohnung in Frankfurt (ein Kampf für sich) oder beschreibt ihren Tag im Finanzamt. Sprecht ihre Herkunft/Sexualität/etc an, macht sie aber nicht zum Zentrum eurer Geschichte. Schreibt eine Geschichte mit ganz normalen Figuren in einem ganz normalen Plot und macht eure Protagonistin zur Lesbe. Oder schwarz. Wieso müssen alle Geschichten mit Minderheiten einen besonders darauf zugeschnittenen Plot haben?

So gut ihr auch recherchiert und schreibt, ihr werdet den Problemen nicht gerecht. Einfach, weil ihr es nicht lebt. (Ein gutes Beispiel ist ‚Simon vs the homosapiens agenda‘. Die Autorin hat sehr gut recherchiert und trotzdem Blödsinn zum Outing geschrieben.)

Dazu kommt, dass man über ein Thema schreibt, über welches tatsächlich Betroffene bereits geschrieben haben. Own-Voice-Literatur, also Bücher von Minderheiten über sich selbst, werden auf dem Buchmarkt oft ignoriert, weil bekanntere AutorInnen Bücher über das Thema schreiben ohne betroffen zu sein. Eure Bücher sind außerdem angenehmer zu lesen, da man sich in seinen Stereotypen bestätigt fühlt und als LeserIn nicht in Gefahr läuft, durch Own-Voice auf eigene Fehler hingewiesen zu werden.

Zurück zu ‚Simon‘ – Leute lesen dieses witzige Buch über ein Outing lieber, als ein realistisches Buch, in dem tatsächlich Beschrieben wird was passiert. In dem der Protagonist trotzdem Angst hat. Obwohl seine Familie ja eigentlich liberal ist. Und sich immer und immer wieder outen muss, statt einmal. Und sich regelmäßig in den Schlaf weint, weil er genau weiß, dass die eigene Großmutter einen hassen wird und der Junge, auf den er steht ihn niemals lieben wird, weil er eine Freundin hat. Denn so ist das. Nicht witzig, nicht ‚eigentlich egal ob es rauskommt‘ und – leider – oft ohne das happy end.

Dabei ist es wichtig, dass wir solche Bücher populär machen, damit Leute sehen was sie Menschen mit ihren ‚harmlosen‘ Kommentaren antun und verstehen, wieso so viele Jugendliche sich umbringen. Aber wir ignorieren sie und hypen stattdessen das unrealistische Buch einer Unbetroffenen, um der unangenehmen Wahrheit aus dem Weg zu gehen. (Ich werde schon wieder zu emotional, sorry.)

Aber ich möchte, dass AutorInnen verstehen, dass sie eine Industrie nutzen, in der eine Minderheit auf ein Cover geklatscht wird um Geld zu machen und dann stereotypiert wird. Man wird ausgenutzt und dann auch noch durch den Inhalt verletzt, Jemand macht Geld, weil es einen Markt für homosexuelle Literatur gibt, in der sich viele nicht wirklich um Homosexualität scheren. Sie geilen sich nur dran auf, dass da zwei Kerle auf dem Cover sind. Während reale Homosexuelle jeden Tag mit diesen Stereotypen konfrontiert werden und und ihr Leben lang darunter leider. Das ist einfach so abstrus und furchtbar, dass ich an diesem Punkt einfach kurz emotional werden muss.

Die Zielgruppe spielt hier dementsprechend ebenfalls mit rein. Leute, die leichte Literatur zum Thema wollen, die gerne unrealistische Gayromance lesen weil sie das anturnt oder die über die Schokoladenkommentare der schwarzen Protagonistin lachen wollen. Für diese Leute ist dieser Beitrag ebenso, wie für die AutorInnen. Ihr dürft Lesen was ihr wollt, aber hinterfragt doch bitte mal, was ihr damit fördert. Und wem ihr damit, für eure Freude, wehtut.

 

Am Ende des Tages (bzw. des Artikels) kann und will ich niemandem den Mund verbieten. Schreibt und unterstützt meinetwegen komplett unrealistische, generalisierende Bücher die den Minderheiten, über die ihr schreibt Schaden zufügen. Ich kann euch nicht davon abhalten und gebe euch Recht, es verkauft sich wirklich gut.

Ich bitte jedoch jede/n AutorIn einen Moment inne zu halten und sich zu fragen, wie er/sie/nb sich fühlen würde, wenn man über sie so schreiben würde. Wenn er/sie/nb etwas kritisieren würde, was einfach nicht stimmt und dafür angegriffen oder ignoriert werden würde.

Wenn man selber damit okay ist, dass man diesem System zuspricht und Minderheiten schadet, ist das so. Und wenn man sich im Klaren ist, dass es Kritik ernten wird, dann wünsche ich ehrlich viel Glück dabei. Ich habe es versucht, aber wie ich oben geschrieben habe mache ich niemandem Vorschriften.

 

Der Artikel ist über Nacht entstanden, ich entschuldige mich für Rechtschreibfehler.

Nachtrag:

qw

Diese Worte kommen in meinem Artikel nicht vor, trotzdem lese ich mehrere Kommentare, die so tun als würde ich das schreiben und mich falsch zitieren. Kritik ist willkommen, aber wer auf Twitter/Facebook/hier denkt, dass er/sie/nb mich niedermachen kann, indem man mich falsch zitiert, überspitzt darstellt und dann auch noch die Dreistigkeit besitzt, mich als bisexuelle Frau zu beleidigen, bestätigt jeden Stereotyp, über den er/sie/nb sich beschwert.


Mein Artikel über die Probleme in der Gay-Romance. (Vorsicht, wesentlich persönlicher als dieser Artikel.)

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Ein Kommentar

  1. Hmmm. Das ist ein Thema, an dem ich mich auch gern und viel reibe, inklusive der Tatsache, dass ich ungern „Gay Fantasy“ auf mein Zeugs pappe, wenn nur ein Kerl drin vorkommt, der sich sich tatsächlich als schwul bezeichnen würde, wenn er denn das Wort kennen würde.
    Insgesamt weiteres Nachdenkfutter über die Verantwortung von Schreibenden. Einerseits, ja, wir sollten Diversität repräsentieren, denn wenn wir es nicht tun, dann vermitteln wir den Eindruck, dass die Geschichten von geanderten Personen nicht erzählenswert sind.
    Gleichzeitig geht vielen Schreibenden das Gefühl des Geandert-Seins ab. Oder sie sind nicht in der Lage, derlei Mechanismen, denen sie sebst vielleicht ausgesetzt sind, auf andere Gruppen zu übertragen. Dabei ist es durchaus möglich, von eigenen Verletzungen auf fremde zu schließen, und sich zu fragen, ob das Klischee, das eins da (re)produziert hat, in diesem oder jenem Kontext immer noch so süß/sexy/unterhaltsam wäre.
    Andererseits gibt es zuhauf Frauen, die Stereotype über Frauen reproduzieren, und sich für aufgeklärt halten. Meineine eingeschlossen. Was ich mal gemacht habe, rollt mir heute teilweise die Fußnägel auf, mit Sachen von heute geht’s mir hoffentlich in zehn Jahren ähnlich. Es bleibt die Aufforderung, kritisch zu denken und zahlreichen Stimmen zu lauschen, nicht nur der eigenen Blase.

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