Das Kleid im Winterschlaf – Politik-Privilegien und die Gefahr in ihnen

Am 24.09 um kurz nach 9 war er fertig. Der ultimative Blogbeitrag zur Wahl. „Jetzt erst recht(s)!“ Voller Enttäuschung und Wut; gespickt mit Trauer und dem Aufruf politisch zu werden.

Abgeschickt wurde dieser Blogbeitrag nie. Auch nicht, als mein Netzwerk (das Nornennetz) beschloss den Hashtag #WirschreibenDemokratie in die Welt zu rufen. Ich war begeistert und half dabei den perfekten Tweet zu designen um diesen Hashtag zu beleben.

Trotzdem schaffte es „Jetzt erst recht(s)!“ nie unter die Augen meiner KollegInnen. Denn irgendwie fühlte es sich komisch an. Drei Wochen später weiß ich wieso: Weil all die Emotionen nur temporär waren. Sie sind jetzt weg. Klar wird man noch feinfühlig, wann immer man über das Ergebnis diskutiert und klar ist man irgendwie noch wütend. Aber nicht so, wie man es eigentlich sein sollte.

In weniger als einem Monat wurde ich zu der Person, die ich vorher angeklagt hatte. Der Politik zwar wichtig ist, die aber ihr Leben im Vordergrund hat. Ich bin nun eine dieser Personen, deren politische Aktivität nur alle vier Jahre aus dem Schrank geholt wird. Angezogen wie dieses eine Kleid, was man immer sieht und sich denkt „wieso zieh ich das nicht häufiger an?“ und sobald man es einen Tag trägt weiß man wieder wieso. In das man jedes Mal, wenn ein Politiker etwas rassistisches sagt, kurz hinein schlüpft, um sich im Spiegel zu betrachten und sich zu denken „Jawoll! So jetzt kann ich es wieder ausziehen.“ Ich bin einer dieser Menschen, der seine Politik austrägt, um sich selbst zu gefallen. Um sich in gewisser Weise auch über andere zu stellen. Um bei jedem politischen Tweet zu denken, man hätte ja jetzt genug gemacht.

Diese Realität hat mich schockiert. Denn eigentlich bin ich nicht so. Wenn es um Feminismus oder gesellschaftliche Probleme geht bin ich sogar das absolute Gegenteil. Aber Politik hat die Macht sich zu verschleiern. Kaum zeigt sie sich nicht mehr, ist sie aus dem Sinn.

Die Fähigkeit sein Leben weiterzuleben, auch nach einem solchen Ereignis wie der Wahl, zeigt mein Privileg auf. Und wenn Du als Leser mal ehrlich bist, auch deines. Denn feministische Sachen kann ich als Frau nicht ignorieren, ebenso wie man als Türke Erdogan nicht ignorieren kann und als Ami Trump. Die Leute, die dies im Hinterkopf verstauen können, sind nicht direkt betroffen und damit unendlich privilegiert über jene, die noch immer Angst haben müssen. Die im Supermarkt an der Kasse Schweißausbrüche bekommen, weil ein Mann mit Bomberjacke und Glatze hinter einem steht oder die Kassiererin ein bisschen zu lange auf die dunklen Hände die ihr das Geld reichen schaut.

Die Menschen, die sich in diesem Land nicht mehr sicher fühlen, wegen dem was passiert ist. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie froh ich bin meine politische Seite im Schrank zu haben, statt sie wie ein Schild permanent vor mir hertragen zu müssen (wie ich es beim Feminismus tue). Ich kann mich von AfDlern irritiert fühlen, werde aber nie die selbe Angst haben wie jemand, den sie wirklich aktiv im Visier haben. Und das sage ich als Frau, die schon die buntesten Drohungen von AfDlern hinter sich hat.

Diese Ignoranz, die wir uns als Normalbürger leisten können, ist gut und schlecht zugleich. Einerseits ist sie wundervoll, denn sie ermöglicht es uns frei zu leben (und zu schreiben) ohne gezwungener Maßen immer wieder auf dieses Thema zu kommen. Weil wir auch andere Dinge im Kopf haben. Andererseits bewirkt es, dass wir faul werden. Einen kurzen Aufschrei leisten: Ein paar Tweets, ein Blogbeitrag, ein Video, ein Retweet, ein Facebookpost – und dann ist das Thema erledigt, weil man seinen Teil ja geleistet hat. Das Kleid landet wieder im Schrank und man kümmert sich lieber wieder um eigene Probleme.

Statt also einen wütenden Beitrag zu veröffentlichen und das Kleid abzustreifen, habe ich mich zu diesem Post entschieden. Ich greife niemanden an oder predige gegen oder für ein Verhalten. Ich möchte nur die Politik in uns allen aus ihrem Winterschlaf im Kleiderschrank aufwecken und daran erinnern, dass wir nicht vergessen dürfen, dass nicht jeder das Privileg, hat sein Kleid auszuziehen. #WirschreibenDemokratie auch nachdem die Wahl nicht mehr präsent ist. Nicht nur für Deutschland, sondern auch für die Menschen in Myanmar, der Türkei, den USA, China und Co.

Es ist an der Zeit, dass wir unser Privileg nutzen. Nicht um uns gut zu fühlen, sondern weil so viele Menschen es nicht tun können. Und vor allem, weil ohne unser Aufwachen, in vier Jahren das Kleid nicht mehr genug sein wird, um uns vor der Politik dieses Landes zu schützen. Wenn wir selbst zu den Menschen werden, die zu keiner Ignoranz mehr fähig sind, ist es zu spät.

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