Frauen im 19. Jahrhundert

Vorab: Dieser Artikel basiert auf einer Hausarbeit, welche ich in Geschichte dieses Semester abgegeben habe.

Die Stellung der Frau in der bäuerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts

Traditionen, Veränderungen und Auswege am Beispiel des Schwarzwalds

I. Rechtliche Stellung

In der Neuzeit erfuhr die Frau grundlegende Änderungen in ihrer rechtlichen Stellung. Sie wurde vom Rechtsobjekt zum Rechtssubjekt und erhielt dementsprechend eine Aufwertung. Diese wurde jedoch noch lange in die Neuzeit hinein nicht angenommen, da sich ihr Status zwar änderte, die ursprünglichen Instituten jedoch bestehen blieben. Dies war auch im Schwarzwald der Fall. Das württembergische Recht behandelte die Frau weit mehr als andere Partikularrechte. Neben Eherecht und Ehegüterrecht, umfasst es weitere Teilaspekte die Geschlechtervormundschaft und Interzession betreffend. Vom 17. zum 19. Jahrhundert wurde die Rolle der Frau in der Gesetzgebung Württembergs immer weiter ausgebaut und vertieft. Insbesondere der Diskurs um Handelsfrauen gewann an Gewicht, da die Frauenarbeit bis ins 17. Jahrhundert hinein immer wieder versucht wurde, aus dem zünftigen Handwerk zu drängen. Nachdem der 30. Jährige Krieg die Beschäftigung von Zunftmitgliedern stark dezimierte gelang es schließlich, die Beschäftigung von Frauen und Handelsfrauen an sich zu verbieten.

Im 18. Jahrhundert änderte sich die Rolle der Frau noch einmal grundlegend, da die Geschlechterbevormundung nun in Frage gestellt wurde. Der Grund war, dass man Frauen bisher als schützenswert und häuslich betrachtete und es schädlich wäre wenn man „das schöne Geschlecht sich selbsten ganz allein überließe.“ (Pfizer 1794. S. 9.) Auch sah man bis zu diesem Zeitpunkt die Frau primär als Mutter und Erzieherin der Kinder und nicht als eigenständigen Menschen. So beschreibt Röslin, ein Jurist im späten 18. Jahrhundert, warum er zwar gegen eine Vormundschaft ist, sie jedoch als sehr praktisch empfindet:

Die Ursache der Geschlechtsvormundschaft sei, daß man in Sachsen, Württemberg und mehreren anderen Ländern die Idee von weiblicher Schwäche, die eigentlich nicht im Verstande, sondern in der körperlichen Beschaffenheit und der Hauptbestimmung der Weiber, Kinder zur Welt zu bringen und ihnen die erste Nahrung und Erziehung zu geben, liege, auch auf ihren Verstand ausgedehnt und das Frauenzimmer aus eben dieser Ursache einer beständigen Kuratel unterworfen habe.

(Röslin 1775. S. 235f.)

Die Frau brauche keinen Vormund, da es ihr an geistigen Kompetenzen mangle, sondern da sich ihre Pflichten in erster Linie im Haus befanden. Ihre beschränkte Einsicht würde ihnen bei wichtigen Entscheidungen wie Vertragsschlüssen im Weg stehen. Auch neige sie zum Leichtsinn, so Röslin7. Man war sich einig, dass die Frau dem Mann zwar unterlegen sei, sie jedoch nicht alleinig aufgrund ihrer Häuslichkeit eine Vormundschaft benötige. Die Sonderrechtsstellung der Frau wurde weiterhin abgebaut, sodass Anfang des 19. Jahrhunderts mehrere Vorschriften gegen die Abschaffung von Missständen und Streitfragen geltend gemacht wurden. 1828 wurde die Geschlechterbevormundung schließlich gänzlich abgeschafft. Eine wichtige Rolle in dieser Entscheidung trägt Semler, ein Magdeburger Jurist des 18./19. Jahrhunderts. Sein vielgelesener Aufsatz prangert an, dass es für einen Staat unvorteilhaft ist, wenn nicht alle seine Mitgliedern gleichsam Verträge beschließen und über ihre Güter verfügen können. Er stellt die geistige Verfassung von Frauen nicht als ebenbürtig, wohl aber besser als seine Zeitgenossen dar und beruft sich dabei auf die praktische Ausbildung von Kauffrauen. Semler beschreibt weibliche Händler als klug, vorsichtig und vorteilhaft im Handel mit Männern, so dass sie keinerlei Vormund zu brauchen scheinen. (Semler 1790. S. 30-85.)

II. Traditionen der Frauenrolle

Entgegen der häufigen Annahme, dass Frauen nur mit dem Haus und der Kindererziehung beschäftigt waren, umfasste die traditionelle Erwartung an eine Frau auf dem Land weit mehr. Eine ausführliche Darstellung der geforderten Fähigkeiten von Frauen im 19. Jahrhundert findet sich in den Handbüchern für Hausfrauen, welche zahlreich verbreitet und verschenkt wurden. Neben Anleitungen zum Kochen (inklusive Tipps wann man damit anfangen sollte, damit der Mann wenn er vom Feld kommt direkt zu essen beginnen kann), Spinnen, Häkeln, Nähen/Sticken, Putzen/Waschen, Kindererziehen, Garten verwalten und Kleinviehhalten finden sich vorgefertigten Tabellen für Personal-, Vorrats- und Geldverwaltung sowie Ratgeber um möglichst hübsch und jung zu bleiben.

Die Tradition der Frau als Hausfrau entstand erst weit später, als das Ideal einer solchen Frauenrolle in England an Popularität gewann. Wie sich bei der rechtlichen Betrachtung zeigte, wandelte sich die Sicht auf Frauen stark zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert. Politische Rechte wurden ihr zwar großflächig erst im 20. Jahrhundert zugesprochen, allerdings baute die Tradition der Frauenrolle auf Mitarbeit im Haus und auf dem Feld und Mithilfe bei politischen Aktionen auf.

III. Stellung in der bäuerlichen Familie

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Ein Bauernhof im 19. Jahrhundert war, wie es heute oft ebenfalls noch der Fall ist, ein Familienbetrieb. Neben Mägden und Knechten arbeitet jeder Teil der Familie an der gemeinsamen Lebensgrundlage mit. Dabei sind die Arbeitsbereiche eingeteilt zwischen Bauer und Bäuerin. Außerhalb des Hauses arbeitet der Mann in Stall, Feldern und Wald, innerhalb ist die Frau mit der Essensverteilung, Haushaltskasse, dem Haus, Kleinvieh und Garten beschäftigt. Die Produktion war aufgeteilt zwischen Mann und Frau, der Bauer war es jedoch, der das Haus nach Außen hin vertrat. Auch war die Frau dem Mann hierarchisch untergeordnet. Sie ging dem Mann neben ihren Tätigkeiten zur Hand, er ihr jedoch in keinster Weise. Die Aufgaben der Frau galten ebenfalls als weniger wichtig, was darin resultierte, dass sie relativ wenig Mitspracherecht hatte.

Junge Mädchen zogen oft ihre jüngeren Geschwister auf und arbeiteten neben der Schule auf dem Hof mit. Nach dem Abschluss der grundlegenden Schulausbildung durften sie keinerlei Fortbildung besuchen außer der Kochschule (gegeben des Falles, dass die Familie ihre Arbeitskraft entbehren konnte).

Des war Pflicht, zwei Johr, wem mer us de Schuel kumme isch. D‘Buebe sind in d‘Fortbildungsschuel un d‘Maidle hen miesse in d‘Kochschuel. / No hem mer als jedi Woch Kochschuel ghae. Sim mer uf Wolfe mit em Fahrrad. Do bin ich als froh gsi, wenn seller Dag kumme isch, wo mer het kenne in d‘Kochschul. Zwei Johr. Des war Erholung.

(Jockers 1998. S. 12)

Äußerte ein Mädchen den Wunsch selbst zu arbeiten, beziehungsweise in die Stadt zu fahren, so wurde dies verboten. Es wurde erwartet zunächst auf dem Heimathof zu arbeiten und dann zu heiraten. Generationen an Frauen sahen nie etwas anderes, als ihr Dorf.

Vor der Heirat halfen die Mädchen als Mägde auf dem Hof ihrer Eltern aus um sich so ihre spätere Aussteuer zu erarbeiten. Ihre Erziehung beinhaltete Vorbereitung auf ihre subsidiäre Rolle in der späteren Ehe. Selbstständig zu denken hatten die Mädchen nicht nötig, da der Mann später alle Entscheidungen treffen würde. Gab eine Familie ihren Hof an die nächste Generation weiter, so wurde nach Größe des Hofes und Mitgift der Frau entschieden, welche Braut für den ältesten Sohn ausgesucht wurde. Viel Widerrede durften sich die Mädchen bis dahin nicht erlauben. Wollte sie niemand heiraten, so mussten sie ihr Dasein als Magd fristen. Gelegenheiten einen Partner aus anderen sozialen Klassen kennenzulernen gab es selten. Man lernte die anderen Bauernfamilien bei Tänzen im Dorf kennen. Sollte sich trotzdem eine Verbindung mit einem Tagelöhner formen, so konnte es schnell zum Bruch mit der Familie kommen und man stand als junges Paar alleine da. Auch hatten die Frauen kaum die Möglichkeit den Hof ihrer Eltern zu übernehmen. Dieser Fall trat nur ein, sollte eine Familie keine Söhne oder sich mit diesen zerstritten haben. Hatte man jemanden gefunden, mit dem eine Hochzeit möglich war, so wurden einige wenige Treffen organisiert, bevor man es durch die ‚Bschau‘ (also die Besichtigung des zukünftigen Hofes) offiziell machte.

Nachdem sie verheiratet wurde, gehörte der Hof oft noch für mehrere Jahre den Schwiegereltern. Druck von diesen und ihrem Mann erlaubte keinerlei Zweifel oder Unsicherheit. Kritik an ihrer Arbeit seitens der Schwiegermutter, welche oft ins Beleidigende ging, war keine Seltenheit.

Do war ich s‘unterschte Glied. Des isch johrelong so gloffe. De Monn het emol Rabatz gmocht biem Vader. Ich han des net kenne hoe, die Streiterei. / S‘war au schwer. Do lerne Sie unwillkierlich s‘Muel halte. Und dann kommt e Zit, wo d‘Schwiegereltern einfach ieberhand nehme.

(Jockers 1998. S. 21)

Die junge Bäuerin lernt, ihren Ehemann nicht zu kritisieren. Alkoholexzesse, sexuelle Ausschweifungen, Glücksspiel und Verbrauch von eigentlich benötigten Gütern hatte sie hinzunehmen.

Nebe de Frau d‘Magd, wenn e scheeni, jungi Magd do gsi isch, die het au im Bur ghert, net bloß d‘Frau. Des war Tradition. Un von wege ebbis sage. Denke het sie kenne, aber sage het sie nix derfe. Vor em Monn het sie Respekt miesse hoe. Un hit isch Gleichberechtigung. Un hit behaupte sie sich.

(Jockers 1998. S. 26)

Hatte sie weder die Unterstützung der Schwiegereltern noch die ihres Mannes so waren die ersten Jahre sehr schwer. Nicht allen Frauen gelang es, sich Respekt zu verschaffen, zumal die früheren Arbeiten zumeist bereits von jemandem erledigt wurden und so die Arbeit als Grundlage ihrer Stellung am Hof keine Option war. Zusätzliche Spannungen kamen auf, da neben dem Paar und den Schwiegereltern auch SchwägerInnen und weitere Verwandte am Hof lebten und es im Winter nur einen kleinen Raum gab, welcher beheizt wurde. Die hineingeheiratet Frau war alleine in einem Raum voller Menschen, die sie weder kannten, noch sonderlich mochten. Die einzige Quelle der Erholung waren Besuche bei der Mutter und Familie auf dem Heimathof und die Besuche in der Kirche, bei welchen man sich mit anderen Frauen austauschen konnte.

Ebenfalls belastend waren die vielen Kinder, welche eine Frau oftmals in kurzen Abständen gebar. Für einen Hof war es überlebenswichtig genug Nachfahren zu produzieren, da man sich so Arbeitskräfte sparen und den Hof später vererben konnte. Neben der hohen körperlichen Auslastung war es auch eine seelische Belastung, da viele der Kinder jung starben oder tot zur Welt kamen.

Mini Großmueder het au 16 oder 17 Stick ghoe. So sin halt zwischedrin gstorbe.

(Jockers 1998. S. 21)

Frauen stützten sich in schweren Zeiten auf ihren Glauben, der sie jedoch nur weiter zum Kinder-bekommen brachte.

Wenn do eins verhierat war un isch geh biechte ginge, un het gsagt im erschte Johr, daß es net schwanger war, no her de Pfarrer d‘Hell heiß gmocht.

(Jockers 1998. S. 22)

Die Kirche untersagte jegliche Form der Verhütung, sofern es diese auf dem Land überhaupt gab. Die harte Arbeit während der Schwangerschaft und die unpassende Ernährung erschwerten die Zeit für die Frauen extrem. Sie standen bis zum Tag der Geburt auf dem Feld und arbeiteten. Hebammen waren für viele eine lebensrettende Institution. Acht Tage lang durfte die Mutter das Bett nicht verlassen, dann sechs Wochen lang das Haus nicht. So lange arbeitete sie jedoch drinnen bereits wieder mit. Auch bei Krankheiten musste man weiterarbeiten. So lange man sich aufrecht halten konnte, tat man dies auch. Die Schwiegermutter (sofern noch am Leben) kümmerte sich um die ersten Kinder, danach waren die älteren Geschwister zuständig. Ansprechpartner für die Kinder war generell immer die Mutter, der Vater hatte kaum mit der Erziehung zu tun.

Erst im fortschreitenden Alter schaffte es die Bäuerin ihre Stellung am Hof aufzuwerten. Nach den ersten Jahren unter Druck drehte sich das wirtschaftliche Familienverhältnis und die Frau übernahm die Leitung der Ressourcen des Hofes. Je nach Mann geschah dies früher oder später. Gemeinsamen Besprechen der Aufgaben und Haushalten mit dem Geld war auf einigen Höfen so selbstverständlich, wie es auf anderen undenkbar war.

Der Alltag auf dem Hof war einfach und hart. Bäder gab es nicht. Gebadet wurde selten und im Sommer oft draußen am Fluss. Die Haare wurden aus praktischen Gründen grundlegend in Zöpfen getragen. Gegenseitiges helfen beim Waschen und Flechten war notwendig und sorgte für wenige Augenblicke der Zwischenmenschlichkeit, welche nicht von Arbeit geprägt waren.

Menstruation wurde gleichsam tabuisiert und beobachtet. Einerseits wurde nicht darüber gesprochen, andererseits konnte anhand der Stoffbinden auf der Wäscheleine kontrolliert werden, ob eine Frau geschlechtsreif, beziehungsweise schwanger war. Während dieser Zeit war es Mädchen streng angeraten auf gewisse Lebensmittel zu verzichten und sich nicht zu waschen. Frauen durften keine Nahrungsmittel berühren, wurden nicht beim Schlachten zugelassen und von der Kirschernte abgezogen, da ein alter Brauch besagte, dass die Bäume sonst eingehen würden. Bei Zuwiderhandlung oder zu öffentlicher Präsentation ihres Zustandes wurden sie vor dem ganzen Hof (teilweise auch vor dem Dorf) zur gedemütigt und beschämt.

Auch gehörte zum Alltag der Frau neben ihrer Arbeit im Haus die Arbeit auf dem Feld und im Wald, wenn sie benötigt wurde. Kartoffeln in den Boden einlegen, Heu ernten, fruchtbaren Boden verteilen, Kirschen ernten, Getreide ernten, Kartoffeln ernten und im Herbst und Winter Reisig sammeln. Die Arbeit auf dem Feld hatte Vorrang vor den eigentlichen Aufgaben der Frau, welche sie nach dem Tag auf dem Feld trotzdem noch zu erledigen hatte. Oft bis spät in die Nacht hinein.26

Hit denk ich, wie hab ich des alles gschafft.

(Jockers 1998. S. 9.)

IV. Veränderungen und Auswege

Im 19. Jahrhundert wurden die Stimmen, die bessere Anerkennung der Frauenarbeit forderten immer lauter. Frauen waren von aktuellen Problemen ebenso betroffen wie Männer und traten gehäuft mit ihnen bei Protesten auf. Dies stärkte ihre Rolle, da sie so als vollwertiger Teil der bäuerlichen Seite gesehen wurden. Besonders charakteristisch war das Auftreten von Frauen bei Protesten in ländlichen Gegenden wie dem Schwarzwald. Dort verbreitete sich die Heimindustrie als Subsistenzbasis und formte das Leben auf dem Hof, besonders das der Frauen und Kinder entscheidend. Die traditionelle Rollenverteilung wurde durch die neue Zusammenarbeit der Familie gekippt und in manchen Fällen gänzlich umgekehrt, wie ein Zeitzeuge Mitte des 19. Jahrhunderts berichtet:

Wenn man in die Wohnungen der Landbewohner tritt, […] welche sich eben durch Spinnen ihre dürftige Subsistenz erwerben, so findet man oft die ganze Familie am Spinnrade. Nicht selten sieht man Großmutter, Mutter und Enkelin mit Spinnen beschäftigt, während der Vater und der erwachsene Sohn auf dem Felde arbeiten oder andere häusliche Arbeiten verrichten, die Mahlzeit vorbereiten, Rüben putzen oder Kartoffeln schälen, wenn und solange sie deren haben.

Hermann Lotze (1869) (Hohmann 1981. S. 135.)

Die Arbeitssituation war weiblich dominiert und der Einfluss von Frauen innerhalb der Familie wurde öffentlicher gezeigt. Weitere Änderungen in der Industrialisierung betrafen die Auslagerung der Arbeit aus dem Haus heraus in die Fabriken.

Die Fabrikarbeit stellte jedoch nur eine indirekte Verbesserung dar. Häufig litten die Frauen unter den Bedingungen. Die Angebote wurden genutzt und normalisiert, sodass man sich bald auf die Zuarbeit von Frauen und Kindern stützte und sie in die Familienwirtschaft integrierte. Hohe Anpassungsfähigkeit, Selbstausbeutung, Bereitschaft zur Mobilität und gegenüber Innovationen wurde von den Frauen und Kindern abverlangt. Parallel dazu wandelte sich das Bild von Frauen in den bürgerlichen Schichten stark und beeinflusste wiederum die Frauen auf dem Land. Insbesondere die neue Generation der Töchter reicher Bauern wurde stark dafür kritisiert vom Arbeitsethos der Schwarzwälder-Frauen abzuweichen. In abgeschwächter Form trat dies erneut auf als sich (von England ausgehend) das Idealbild verbreitete als Frau nicht länger aktive politische Gesellschaft des Mannes zu sein, sondern eine gute Arbeitergattin zu sein. Dazu gehörte es zuhause zu bleiben, den Fokus (erneut) auf die Kindererziehung zu legen und nicht mehr arbeiten zu gehen. Wirklich umgesetzt konnte dieses Ideal zwar erst, als es möglich war eine Familie mit einem Gehalt zu ernähren, doch es existierte schon früher neben dem Bild der arbeitenden Frau in der Fabrik. Dabei ist das Haushalten und Kindererziehen an sich dem Arbeiten untergeordnet, wodurch die Frau in ihrer Arbeit nicht gewürdigt wird. Es entsteht eine ähnliche Form wie zuvor auf den Höfen.

Frauen waren in ländlichen Gebieten also weit weniger an der Fabrikarbeit beteiligt, als oft angenommen wird. Die Landwirtschaft blieb gerade in Gebieten wie dem Schwarzwald länger die Haupteinnahmequelle von Familien als es in anderen Ländern der Fall war. Dementsprechend wandelte sich die Rolle der Frau viel später als es theoretisch der Fall hätte sein müssen. Dazu kommt eben jener Wandel zum Ideal der Hausfrau.

1892 wurden die verheirateten* Frauen (dazu zählten auch Witwen, geschiedene Frauen und alleinstehende Frauen mit Kindern) in den Fabriken gesondert von den anderen Frauen gezählt. Die Frauen in Baden machten mit 10-11.000 aktiven Arbeiterinnen 28 % der arbeitenden Frauen über 16 aus.

Im Ganzen machten verheiratete* Frauen in Baden 7,7 % der gesamten Arbeiterschaft aus. In einzelnen Ballungsgebieten jedoch weit mehr. Die Arbeiterschaft in Elsass-Lothringen bestand 1875 zu 27,7 % aus verheirateten* Frauen, 1889 waren es bereits 46,5 %. Dies war der wachsenden Textilindustrie mit Fokus auf Damenbekleidung zu verschulden. Im Schwarzwald arbeiteten die meisten verheirateten* Frauen in Zigarettenfabriken, in ganz Baden waren jedoch weit mehr Frauen in der Textilverarbeitung tätig. In den 196 gemeldeten Betrieben der badischen Textilindustrie befanden sich 1894 unter den insgesamt 25.004 Arbeitern 14.809 Frauen. 13.276 davon über 16. Davon verheiratet* waren 3.254.

Die technischen Möglichkeiten wurden zusehen genutzt, um eben diese Frauen mehr und mehr zu ersetzten, um ihnen die Erziehung der Kinder und den Haushalt als oberste Aufgabe zu ‚ermöglichen‘. Gleichzeitig wurde befürchtet, dass der allmähliche Ausschluss der Kinder von der Fabrikarbeit im selben Jahr mehr arbeitende Frauen zum Füllen der Lücke benötigen würde. Zudem waren mittlerweile so viele verheiratete Frauen berufstätig, dass ein vollständiges Ausschließen dieser Arbeiterinnen erhebliche Folgen für die Industrie haben würde. Gleichzeitig würde man damit den Frauen theoretisch nicht alle Möglichkeit der Erwerbstätigkeit nehmen, sondern sie lediglich aus der Fabrikarbeit verbannen. In Landwirtschaft, Handwerk und Handel könnten verheiratete Frauen weiterhin berufstätig bleiben.

Allgemein hatte die Arbeit der Frauen in den Fabriken zunächst langsam zugenommen, nach dem Vorbild anderer Industriestaaten. Dank der Verzögerung auf dem Land hielt diese Welle jedoch nicht lange an und wurde rasch ersetzt durch das Ideal der Frau zuhause mit den Kindern. Auch wurden verheiratete Frauen aktiv von der Arbeit in Fabriken ausgeschlossen, um sie in dieses Bild zu drängen. Andererseits machten Frauen trotz dieses Ideals einen beträchtlichen Teil der Arbeiterschaft aus. Diese Frauen waren jedoch keine Bäuerinnen an sich mehr, sondern Frauen welche ihre Familie entweder in die Stadt umgesiedelt hatten oder sie von dort aus finanziell unterstützten.

Zusammenfassung

Die Frau in der bäuerlichen Gesellschaft hatte eine zweigeteilte Rolle/Stellung. Einerseits war sie stark unterdrückt und an vielen Stellen immer das letzte Glied der Kette. Andererseits konnte sie sich durch ihre harte Arbeit mehr Stimme verschaffen und hatte durch ihren Beitrag zur Lebensgrundlage einen gewissen Stolz. Wie es einer Frau auf dem Hof erging hing stark von der Familie ab. Faktoren wie die Tabuisierung der Menstruation, die Unterordnung der eigenen Arbeit unter der des Mannes und die Auslastung durch Kinder und kirchlichen/gesellschaftlichen Druck beeinflussten ihr Leben jedoch grundlegend negativ.

Auch hatte die rechtlich zwar mehr Grundlage als in den bisherigen Jahrhunderten, doch kamen diese Gesetzte auf dem Land schwerer an, da die Menschen mit ihrem alten Denken und den bisherigen Moralvorstellungen verwachsen waren.

Der ‚Ausweg‘ aus der Rolle der Bäuerin hatte gute und schlechte Seiten. Einerseits war es Drehpunkt der Frauenbewegung und bewirkte mehr Selbstständigkeit und Anerkennung. Auch ermöglichte die Fabrikarbeit in den Städten den sozialen Aufstieg von Frauen, welche bisher ohne Eigentum hierarchisch völlig untergeordnet waren. Andererseits hatten die Frau faktisch als Bäuerin weit mehr Macht über sich selbst und die eigenen Aufgaben. Auch die Entwicklung der Rolle als klassische ‚Hausfrau‘ stoppte dies nicht. Stattdessen wurde die Frau nun entweder in Fabriken ausgebeutet oder verweilte Zuhause in völliger (finanzieller) Abhängigkeit ihres Mannes.

Wie sich gezeigt hat hatte die Frau weit mehr Macht und Einfluss in den bäuerlichen Familienverhältnissen als äußere Blicke und Stereotypen es vermuten lassen. Sie allein trug die Verantwortung für Haus, Garten, Vorräte, Kleinvieh und/oder Milchwirtschaft. Auch war sie als Teil der Familie integriert und trug aktiv dazu bei die Familie zu ernähren. Gleichzeitig waren die Verhältnisse in der Familie und der Druck so hoch, dass Arbeit außerhalb sehr viel psychologischen Schaden vermeiden könnte. Die Fabrikarbeit isolierte ihre Arbeit ohne ihr wirklich mehr Anerkennung oder ein geringeres Arbeitspensum zu gewähren. Auch wurde ihre Stellung in der Familienhierarchie durch das Arbeiten außerhalb geschwächt, da sie nun keinerlei Einfluss mehr auf das tägliche Leben auf dem Hof hatte. Die direkte Kontrolle lebensnotwendiger Ressourcen auf dem Hof hatte ihre familiäre Position gestärkt und viel nun weg. Zudem kam auch, dass es mehrere Anstrengungen gab, den verheirateten* Frauen das Arbeiten nicht zu ermöglichen, um sie in das neue Ideal der Hausfrau zu drängen.

Auch, wenn die Landwirtschaft in Baden erst spät zu einer subsidiären Einnahmequelle wurde und sich die Arbeit zur Industrie hin wandelte, nahmen Frauen früh einen großen Teil der Arbeiterschaft ein. Sie unterstützten ihre Familie mit Geld, welches nun wesentlich wertvoller war als noch 50 Jahre zuvor. Ob es einen wirklichen Ausweg darstellte ist unklar. Je nach Situation auf dem Hof kann die Flucht in die Stadt entweder als zusätzliche Belastung oder dringend notwendiger Ausweg gewertet werden. Fest steht, dass die Entwicklung die Frauenbewegung anspornte und unserer heutigen Generation all die Freiheiten ermöglichte, welche die Frauen auf dem Hof bis in die 1960er Jahre nicht hatten.

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Literaturverzeichnis:

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Bilder

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