Das Wahlveranstaltungs-Wochen-Erlebnis

Vorab: Dieser Artikel soll niemandem von seiner Wahlentscheidung abbringen. Am Ende des Tages ist es mir relativ egal, was Leute wählen – so lange es nicht die AfD/NPD ist. Und weil ich die fiesen Kommentare schon riechen kann: Liebe AfDler. Wir hatten in letzter Zeit einige lustige Momente, in denen ihr mir Vergewaltigung, Armut und Tod gewünscht habt. Also hier meine Bitte: Lest diesen Artikel nicht, er hat nichts mit Politik im engeren Sinne zu tun. Das kann euch also am After vorbeigehen. Außerdem fände ich es schön wenn ihr mir auf Twitter gegebenenfalls entfolgt und/oder mich blockt. Einfach damit wir uns gegenseitig nicht über den Weg lesen. Danke.

Der Sinn dieses Artikels ist es in erster Linie über die Stimmung bei einer Schulz- und Merkelrede zu berichten. Ich möchte festhalten, wie unterschiedlich Wahlveranstaltungen aufgezogen werden, wer die Menschen dort waren und wie man sich in einer politischen Masse fühlt, der man nicht zwingend zugehörig ist.

Gehst du morgen zum mardddiiiiin?“ Mein Handy piepst und ich runzle überrascht die Stirn. „zu wem?“ – „Schulzibooooy“ Ein amüsiertes Brummen entfährt mir. „Ach der Mardin! Haste Bock?“ – „Wenn das Wetter nicht ganz so scheiße ist“ Und damit war es beschlossen. Keine 24 Stunden später stehen wir – das sind ich und eine gute Freundin – auf dem erstaunlich trockenen Platz der alten Synagoge. Auf dem Weg dorthin sind wir vorbei an einem erfreulich leeren AfD-Stand und dem dazugehörigen Protest samt Plakat der Linken, welche uns mit Flyern und dem neusten Tratsch über die Freiburger Rechte versorgen.

Der Platz ist voll, überall stehen Polizisten und ich warte eigentlich nur auf das beginnende Pfeifen-Konzert der AfDler. Doch das bleibt aus. Stattdessen stellt sich Schulz – ein wirklich kleiner Mann – statt auf die Bühne, auf ein kleines Podest davor sodass man ihn auch ja nicht sehen kann und beginnt zu reden.

Oder naja… zu schreien.

Wie ein Youtubevideo der 60-Jahre-Kommunisten leiert er in guter Marktschreier-Manier seine sozialen Tiraden herunter. Mit Herz und Seele und ganz viel Spucke. Vor ihm wird eine Kommunismusflagge geweht, rechts im Publikum macht jemand Werbung für eine Demo am Donnerstag. „Der ist halt auf Augenhöhe mit seiner Wählerschaft“, scherzt meine Begleitung und lacht, als ich „naja oder mit den wichtigen Leuten die vorne nen Sitzplatz bekommen haben“ hinzufüge. Es sind so ziemlich alle Alters-, Berufs- und sozialen Klassen vorhanden. Um uns herum haben eigentlich fast alle Leute ihre Kinder dabei, Altenpfleger, Dozenten, Studenten, Azubis und Arbeiter bilden die Reihen und man fühlt sich sehr wohl. Keiner von denen rempelt um sich oder schnauzt herum weil ein Baby weint.

Die Rede deckt alles ab – außer Umwelt. Aber ansonsten kann man wirklich nicht meckern. Es macht Spaß zuzuhören, man traut sich mitzuklatschen, weil die Punkte gut formuliert sind und manchmal vergisst man fast, dass er ja eigentlich wütend sein sollte. Er vergisst das vor allem. Das ist tatsächlich ein Kritikpunkt der mich wirklich nervt und die Leute um mich herum wohl auch. „Das ist so gespielt“ meint ein Mädchen vor mir, ihre Freundin verdreht die Augen und meint „aaaaaalter ja“. Ich fühle mich bestätigt. Denn wer sich verspricht, lacht, sich entschuldigt und kurz menschlich wirkt, nur um dann auf einmal in voller Lautstärke gegen Merkel zu wettern – dem kaufe ich das Ganze einfach nicht ab. Die Wut wäre schön, wenn sie denn echt wäre.

Ich glaube von ganzen Herzen, dass Martin Schulz wütend war/ist. Weil er das Duell in den Sand gesetzt hat, weil seine Chancen schwinden obwohl er – sorry, ich bin halt links-grün-versifft – die bessere Partei hinter sich hat, weil er wütend sein darf. Das ist der Vorteil wenn man Neukandidat ist und nicht dauerhaft den Schlichter-Kurs fahren muss.

Er spricht von gleichem Lohn für Männer und Frauen, von sozialer Gerechtigkeit und der Gleichstellung vom ‚gemeinen Arbeiter‘ mit dem ‚Akademiker‘. Die Studenten heben die Augenbrauen, nicken es dann aber ab weil er ja das richtige meint. Er meint den Respekt, den Menschen erhalten und nicht der Grad der Ausbildung – auch wenn das ein bisschen happig formuliert war, da er kurz vorher noch die Wichtigkeit von Bildung und Fachkräften betonte. Auch redet er sich manchmal in Rage, nur um dann abrupt das Thema zu wechseln und sich wegen eines anderen Themas in Rage zu reden, welches er dann halbherzig mit dem davor verknüpft und dann passt das nicht so richtig und – ehm. „Ja tut mir leid, da hab ich eben den Faden verloren…“ und weiter geht die Rede.

Dann kommt er zu einem Punkt, an dem er mehr Applaus erfährt als bei der gesamten Rede zuvor. Und das ist der Punkt, an dem man merken konnte wie alle ihm zustimmen: Thema AfD. Er bezeichnet Höcke und Gauland als Nazis, nennt das Ganze beim Namen und ich kann einfach nicht anders als mich umzudrehen und zu flüstern „endlich! Ein Politiker einer großen Partei, der das anspricht!“ Ich erhalte abwesende Zustimmung, denn genau in diesem Moment sagt Schulz auf seinem kleinen Podest „das ist keine Alternative für Deutschland, das ist eine Schande für Deutschland!“ Das Publikum applaudiert lauter denn je und uns allen ist klar, dass wir gerade auf dem Platz der alten Synagoge stehen und uns von einem Politiker im Jahr 2017 anhören, dass wir bitte keine Nazis in den Bundestag wählen sollen. Eine bittere Pille.

Nach einem Exkurs über die ‚Helden der SPD‘, welche sich den Nazis entgegen stellten, kommt er langsam zurück zur Normalpolitik und endet schließlich genau in dem Moment, als es zu regnen beginnt.

Langsam machen wir uns auf, immer noch hin und hergerissen zwischen „gute Rede“ und „warum schreit der eigentlich die ganze Zeit so?“ Wir beschließen zu Merkel zwei Tage später ebenfalls zu gehen – so als Kontrastwert – und machen uns auf den Weg nach Hause.

Merkels Rede zwei Tage später überrascht uns in mehrerer Hinsicht. Zunächst startet sie eine ganze Stunde früher als wir dachten, weswegen wir – die selbe Gruppe wie bei Schulz, nur dass uns jetzt ein weiterer Freund begleitet – relativ unvorbereitet im Kuschelpulli und mit leicht verkatertem Blick (besagte Freundin hatte am Vortag Geburtstag) auf dem Platz kommen – und in der Menschenflut ertrinken. Des Weiteren erfuhren wir, dass noch am selben Abend Cem Özdemir in Freiburg sein würde. An diesem Punkt musste man dann durchziehen und da dann halt auch noch hin.

Merkel beginnt gerade zu reden; wir bahnen uns einen Weg durch die Menschen und sehen belustigt zu den Sicherheitsmännern hinauf, die auf den Balkonen des Freiburger Münsters stehen und grimmig in die Menge starren. „Die sehen aus, als ob sie gleich kleine Kinder fressen würden“, meint meine Freundin und verzieht das Gesicht. Als wir endlich einigermaßen etwas sehen stehen wir halb im Außenbereich eines lokalen Cafés und werden von einem wütenden Kellner begrüßt, dem der ganze Trubel wirklich gar nicht zusagt.

Mir sin hier weil ma en Kaffee trinke welle, ned weil ma‘d Muddi höre welle.“ Sagt ein älteres Pärchen schräg vor uns im badischen Charme, erhebt sich und geht. Wir lachen. Keine 10 Minuten später wünschte ich, wir wären auch gegangen.

0815 ist absolut keine Beschreibung dafür, wie unfassbar repetitiv und langweilig Merkels Rede war. Geld, Geld, Geld, oh Bildung für alle, Geld, Geld, Geld – „sag ma sin ma hier bei ner FDP-Veranstaltung?“ Höre ich jemanden hinter mir murmeln. Vor uns steht ein junger Mann auf einem Stuhl, klatscht begeistert alles mit und schreit „Jawoll!“ in die Menge. Der Kellner drängelt sich an uns vorbei um ihn vom Stuhl zu jagen.

Die Trillerpfeifen der AfDler werden lauter, von links stimmen ein paar SPDler Buh-Rufe an. Man hat das Gefühl, dass niemand unter 60 auf diesem Platz steht, der Merkel tatsächlich mag. Alle jungen Leute, von dem etwas übermotivierten Herrn vor uns mal abgesehen, runzeln die Stirn, klatschen vereinzelt mal bei einem Punkt. Verhalten, weil man ja eigentlich doch nicht klatschen will. Mir geht es ähnlich. Ich fühle mich nicht wohl dabei in einer Sekunde zu klatschen, weil sie den Dieselskandal erwähnt und in der nächsten den Kopf zu schütteln, weil sie den Tod einer jungen Frau für Wahlkampf nutzt. Als es vorbei ist drängen wir uns durch die Massen. Hinter uns ertönt die deutsche Nationalhymne und ich frage mich, ob die AfDler ganz vorne jetzt eigentlich buhen oder mitsingen müssen.

Als letzte Station steht jetzt noch die Veranstaltung der Grünen auf dem Plan. Die sind ein paar Stunden nach Merkel in der Wodan-Halle und direkt zu Beginn fällt auf wie anders das Ganze hier aufgezogen wird. Klar, ist ja auch eine Podiumsdiskussion und nicht nur eine Rede. Özdemir sitzt oben, die 600 Plätze der Halle sind gefüllt (ich musste stehen und war recht früh dran) die Stimmung ist entspannt und die Fragerunde beginnt.

Es werden keine Fragen gestellt, die man noch nie gehört hat und keine Antworten gegeben, die man nicht auch schon kennt. Das Ganze hat so ein bisschen den Charakter von einer Grünen-Promo-Show ohne wirkliche Hintergründe oder neue Erkenntnisse. Trotzdem fühlt es sich schön an nicht angeschrien oder gelangweilt zu werden. Vielleicht ist es ja unmöglich nach einem langen Wahlkampf noch erfrischende Inhalte zu bringen, vielleicht ist den Grünen auch klar, dass sie und die Linke in Freiburg ihre Stammwählerschaft haben. So oder so gibt es über diesen Abend kaum etwas zu sagen als: War okay. Musste jetzt nicht sein aber war okay. Da ich alleine dort war bin ich früher gegangen – wenn ich das Wahlprogramm und die üblichen Fragen hören möchte, dann kann ich mir auch einen FAQ der Grünen anschauen. Das ist einfacher und tut nicht so an den Füßen weh.

Recap: Keine der Veranstaltungen hat mich dazu bewogen von meinem Wahlplan abzuweichen. Aber es war trotzdem gut, diese Politiker mal zu sehen. Schulz, weil ich so mehr Probleme mit ihm als Kanzler sehe; Merkel, da ich sie als Mensch immer bewundert habe, mir ihr stumpfes Parteinachplappern jedoch unfassbar auf den Senkel ging und ich zumindest nicht mehr ganz so traurig sein werde, sollte sie in einer Woche keine Kanzlerin mehr sein; Özdemir einfach weil er ein ziemlich normaler Typ ist der viele meiner Meinungen vertritt und die Leute ganz nett unterhalten hat. Wer auch immer diese Wahl gewinnt – keiner der ‚Spitzenkandidaten‘ hat mich überzeugt. Die Stimmung war bei der SPD jedoch am aktivsten, bei den Grünen am friedlichsten und bei Merkel am unhöflichsten und rausten.

Wie ich bereits am Anfang geschrieben hatte, ist dies kein Artikel, der Leute umstimmen soll das zu wählen was sie wollen. Am Ende des Tages wählt man (zumindest hoffe ich das) ja auch die Partei und nicht den einen Politiker/die eine Politikerin, die gerade auf Tour ist.

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