Kurzgeschichte: Post am Sonntag

Zweiter Vorfall: Post am Sonntag

Und der Sonntag hatte so gut angefangen.

„Guten Morgen Frau Kunelhaber“, sagte ich brav zu meiner recht alten Nachbarin, nachdem ich aufgestanden, mich angezogen, mir die Zähne geputzt und die Tür geöffnet hatte, um die Sonntagszeitung hineinzuholen. Der Morgen war soweit schnell vergangen. Ich war eigentlich nie begeisterter Sonntagszeitungsleser. Dieser Sonntag fühlte sich anders an. Ich hatte es im Gespür, heute würde ein köstlich unproduktiver Tag werden. Das war, bis ich den Postboten bemerkte, der sich, kaum hatte ich meinen Rücken der Straße zugewandt, um wieder in meinem Haus zu verschwinden, mit einem quietschenden Geräusch an meinem Briefkasten zu schaffen gemacht hatte.

Quietsch, machte der Briefkasten.

Hm, dachte ich.

„Guten Morgen.“ Ich blinzelte in die Sonne, von welcher ich schwören konnte, dass sie bis vor dem Quietsch noch hinter den Wolken verborgen gewesen war. Es kam keine Antwort.

Quietsch, machte der Briefkasten.

Hm, dachte ich.

Der Postbote machte keine Anstalten zu verschwinden, sondern schien, als hätte er einen ungeheuren Spaß daran gefunden, meinen armen Briefkasten aus seinem Sonntagsschlaf zu wecken, in dem er immer wieder mit der quietschenden Klappe wackelte. Ich wusste nicht einmal, ob er etwas hinein getan hatte.

„Entschuldigen Sie bitte“, ich wagte einen neuen Versuch, „das ist mein Briefkasten.“

Quietsch, machte der Briefkasten.

„Das weiß ich.“ Sagte der Postbote, ohne von dem metallenen Kasten abzulassen.

Hm, dachte ich.

Der Briefkasten, der Postbote und ich, hätten sicher noch länger unseren tiefgründigen Austausch fortführen können, wenn nicht ein weiterer Postbote aufgetaucht wäre.

„Hallo.“ Sagte der Postbote.

„Guten Morgen.“ Sagte der andere Postbote.

„Schönen Tag Ihnen.“ Sagte ich.

Quietsch, machte der Briefkasten.

Wir standen da. Postbote neben Postbote. Ich war mir sicher, dass ein Problem mit dem Postverkehr herrschte, als ein Dritter sich dazu gesellte. Vielleicht hatte ein Postboten-Lieferwagen hier in der Nähe einen Unfall gehabt und die entkommenen Postboten würden sehr bald eingesammelt werden. Vielleicht halluzinierte ich aber auch.

Das wirklich verwunderliche war ja nicht, dass es mehrere Postboten, die alle genau gleich aussahen, an meinen Briefkasten geschafft hatten (nach meiner Auffassung sahen Postboten generell immer gleich aus, egal welcher Wochentag es war und wie viele von ihnen sich an einem Fleck versammelten), sondern, dass dies an einem Sonntag geschah. Dem einen Tag, an dem man sich darauf verlassen konnte, dass niemand der nicht dringend etwas tun musste, etwas tat.

„Guten Morgen.“ Sagten Postboten eins und drei.

„Herrlicher Tag.“ Sagte Postbote zwei.

Quietsch, machte ich.

Hm, dachte der Briefkasten.

Etwas fühlte sich nicht richtig an, doch ich wollte nicht unhöflich sein. „Kann ich den Herrschaften denn irgendwie behilflich sein?“ Fragte ich also.

„Nein nein, wir stellen hier nur die Post zu.“ Postbote drei schien nicht im geringsten erstaunt, als Postbote vier neben ihm auftauchte. Mir viel auf, dass die Postboten generell einfach zu erscheinen pflegten. So aus dem Nichts, könnte man sagen. Ich fragte mich, ob ich einfach zurück in mein Haus gehen konnte, wollte es jedoch nicht ausprobieren aus Angst, jemanden zu verärgern.

„Ja gut“, sagte ich also, „wenn ich Ihnen nicht helfen kann.“

„Wir kommen schon klar, danke.“ Sagte Postbote eins.

Quietsch, machte der Briefkasten, so als würde er dem zustimmen.

„Wir sind schließlich Profis.“ Sagte Postbote fünf, von dem ich keine Ahnung hatte, wie lange er schon in meinem Vorgarten stand.

„Aber wieso braucht es denn so viele von euch, um mir die Post zu bringen?“ Ich fragte diese Frage nur zum Teil aus Neugierde. Eigentlich wollte ich eher wissen, wer mir antwortete und ob sich dadurch ein Alpha-Postbote herauskristallisierten würde.

„Es ist Sonntag.“ Postbote drei zuckte die Achseln und Postbote eins und sechs stimmen nickend zu.

Mein Vorgarten war erfüllt von sechs Männern, komplett in Postuniform und mit Tasche.

Quietsch, machte der Briefkasten.

Hm, dachte ich.

Ich konnte nicht ins Haus. Nicht bei einer solchen Situation. Man stelle sich vor, dass in einer Stunde oder zwei, so viele Postboten in meinem Vorgarten sein könnten, dass meine Blumenbeete von Postboten-Schuhen zertrampelt werden würden. Unmöglich. Nein ich musste schon hier bleiben und die Situation unter Kontrolle halten.

Wären ich nachdachte erschienen drei weitere Postboten.

Ich hatte alles unter Kontrolle, kein Problem.

Nun waren es fünfzehn.

Sie alle nickten und grüßten sich und der Briefkasten machte Quietsch.

„Also, meine Herren, wenn Sie dann so freundlich wären und mir meine Post geben könnten. Ich habe wirklich nicht genug Platz für Sie alle in meinem Garten.“

„Ich bin doch dabei.“ Sagte Postbote eins.

„Du bist zu langsam.“ Sagte Postbote fünf.

„Lass mich mal.“ Sagte Postbote vierzehn.

„Nein, ich kann das viel besser.“ Sagte Postbote elf.

Quietsch, machte der Briefkasten.

Quietsch, machte ich, da mir klar wurde, dass ich die Situation verschlimmert hatte.

Mein Garten war voller Menschen. Postbote stand neben Postbote und Postbote und Postbote, diskutierend darüber, wer die Ehre haben sollte, mir meine Post zu bringen. Ich verweilte daneben und wünschte mir zum ersten Mal in meinem Leben einen Hund. Oder eine besonders aggressive Katze.

„Wenn nur einer von euch die Post bringt, sind die anderen dann überhaupt Postboten?“ Fragte ich in die Runde.

Postbote drei, siebzehn und einundzwanzig sahen mich entgeistert an. Ich begann zu schwitzen.

„Wir sind alles Postboten.“ Sagte Postbote siebenunddreißig.

„Wir bringen die Post.“ Sagte Postbote sechs.

„Aber es ist Sonntag.“ Ich sah in eine Reihe unschlüssiger Gesichter. „Sonntags kommt doch gar keine Post.“

„Achso.“ Sagte Postbote achtundzwanzig.

„Ja gut.“ Sagte Postbote drei.

„Wo er recht hat.“ Sagte Postbote einundvierzig.

„Nun.“ Sagte Postbote eins und wand sich zum gehen.

Quietsch, machte der Briefkasten ein letztes Mal, bevor alle Postboten meinen Vorgarten verlassen hatten.

Hm, dachte ich, und besah mir meine zerstörten Blumenbeete.

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