Warum unsere Ansprüche an brotlose, tragische Autoren und Künstler falsch sind

Warum unsere Ansprüche an brotlose, tragische Autoren und Künstler falsch sind

Der Großteil der Menschen kennt ihn – den Liebeskummer. Auch Autoren werden nicht von ihm verschont. Doch sieht man sich die großen Werke der Weltliteratur an (Dantes Göttliche Komödie, Petrarcas Canzoniere, Goethes Werther, so ziemlich alles von Bürger, etc.), so wird klar, dass Autoren den Schmerz oftmals für sich nutzen und davon – auf lange Sicht gesehen – profitieren.

Natürlich hat es gute und produktive Seiten, wenn ein liebeskranker Autor, eine suizidale Autorin oder eine nonbinäre Person mit verstorbenem Elternteil über ihre Erfahrungen schreibt. Man könnte sogar diskutieren, ob nicht (fast) jedes schriftliche Werk in irgendeiner Art und Weise von guten/schlechten Erfahrungen mit Mitmenschen beeinflusst wird. Der Liebeskummer bewirkt, dass wir wie Goethe einst voller Trauer auf unsere Tasten hauen, tagelang nicht essen, trinken, duschen oder schlafen und unser Herz auf Din-A4-Seiten ausschütten. Und das ist doch gut, oder?

Die Romantisierung von Liebeskummer für Autoren ist ein ähnlich toxisches Stereotyp wie die Brotlosigkeit der bildenden Künstler. Von uns wird erwartet zu leiden, da wir sonst minderwertige Produkte abliefern. Die Verarbeitung von Schmerz als Jobvoraussetzung – na danke. Dass unfassbar viele Autoren depressiv sind und Künstler in Scharen ihren Traum aufgeben, beziehungsweise ihm gar nicht erst nachgehen „weil es sich finanziell eh nicht lohnt“ ist die daraus resultierende Realität. Statt dass man Menschen für ihre Kunst bezahlt und ihren Schmerz ernst nimmt, ruht man sich darauf aus, dass das zu deren Beruf gehört. „Van Gogh hatte ein tragisches Leben in Armut und Verspottung, aber das hat ihn zu einem so guten Künstler gemacht!“ BLÖDSINN. Es macht uns nicht zu schlechteren Künstlern und Autoren, wenn Menschen nett zu uns sind und uns ernst nehmen. Mentale Krankheiten, Mobbing, Grausamkeit uns gegenüber etc. sind niemals gerechtfertigt, nur weil es uns inspiriert. Das geht so nicht weiter.

Neben der Tatsache, dass Schmerz und Trauer niemals romantisiert als Teil einer Profession betrachtet werden sollten, kommt hinzu, dass viele andere Berufe mit ähnlichem Stigma besetzt sind. Wenn Manager einen Burn Out haben zählt das nicht, wenn Lehrer keinen Job finden ist das deren Schuld, wenn Juristen und Mediziner jahrelang wie Dreck behandelt werden und bei tagelanger Arbeit nichts verdienen gehört sich das so. Nein! Das gehört sich nicht so! Liebe Mitautoren: Ihr verdient das Geld, dass ihr verlangt und eure Depressionen und euer Leiden sind KEIN Bestandteil eures Berufes, sondern verdienen Aufmerksamkeit. Holt euch Hilfe, macht eine Schreibpause und esst etwas, duscht und schlaft richtig. Macht euch nicht kaputt, weil ihr denkt, dass es euch zu besseren Autoren macht. Seid wütend auf Personen die euch verletzen. Macht niemals den Fehler Goethes und werdet abhängig von der Trauer. Der hat über ein ganzes Jahrzehnt seines Lebens weggeworfen und heute wird das zelebriert, weil es die Briefe an Frau von Stein hervorbrachte. Dass die Elegien danach durch seine Freunde mit C. Vulpius entstanden und wesentlich besser sind, als alles aus der Trauer entstandene, versinkt im Hintergrund. Es ist es nicht wert sich zu geißeln.

Abschließend noch eine kleine Nachricht, an den wunderbaren Vollidiot-Komilitonen von mir, der eine brutale Trennung meinerseits von einem Partner damit rechtfertigte, dass die Person mich ja zu einem Schriftstück inspirierte: Fuck You!

Advertisements

Ein Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s