Vergessene Klassiker

Reden wir über Frauenfiguren in der Literatur und den Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Autoren, diesbezüglich.

Es wird Zeit die ‚Götter‘ deutscher Literatur als das zu betrachten, was sie sind: Männer. Ich bin keinesfalls kein Goethe, Schiller, Hölderlin, Heine, Büchner, Brecht, Mann oder Frisch Fan. Im Gegenteil, als Germanistikstudentin machen mir diese Schriftsteller um so mehr Spaß. Besonders Mann, der in vielen seiner Kurzgeschichten, weibliche Sexualität automatischer Prostitution gleichstellt (Gefallen) oder Goethe, dessen Frauenfiguren oftmals neutral oder sogar oft „feministisch“ gesehen werden (Iphigenie auf Tauris) machen richtig Spaß, wenn man denn frei kritisieren darf.

Oftmals wird einem dann jedoch gesagt, dass man sich ein ‚richtiges‘ Thema suchen soll. Frauenrechte zählen da ja nicht. Und dann wird einem gesagt, dass man sich ja nur beschwert. Ein Dozent von mir meinte einmal, dass ich sowohl meckern würde, wenn Frauen schlecht dargestellt werden, als auch wenn sie gar nicht vorkommen – man könne es mir nicht recht machen. Die Vorstellung einer weiblichen Rolle ohne Abwertung schien in seinem Kopf unmöglich.

Aber darum geht es uns Feminismus-Germanisten ja auch nicht. Die Anerkennung von Missständen in klassischen Werken ist das worauf wir hinauf wollen. Iphigenie ist keine Feministin, weil sie die Macht über das Schicksal der Männer hat. Sie hat trotzdem keine originellen Gedanken und handelt nach den geforderten Frauenvorstellungen der Zeit: Nett, streit-schlichtend und absolut unoriginell. Oh und sie muss natürlich fabelhaft und wunderschön sein, sonst ist das ja gar keine richtige Frau. Zu den weiblichen Szenen der Klassik gehört ein richtiger Arsch, wieso sollten Männer das sonst bitte lesen? Die weiblichen Götter der Antike sind zwar machtvoll, müssen aber wunderschön sein und tadelnd daneben stehen, während ihre Männer Affairen haben. Richtige Power-Göttinnen würden sich wehren, nur mal so.

Wieso lesen wir eigentlich nur Männerwerke?

Weil es keine Frauen gab.

Aber natürlich gab es weibliche Autoren seit der Antike bis zur Romantik.

Ja aber zu wenige.

Sollte das nicht Grund sein, diese wenigen Frauen richtig zu betrachten, statt sie zu ignorieren? Ich meine, wenn es eine Frau geschafft hat der Welt zu trotzen und Schriftstellerin zu werden, in einer Welt in welcher Frauen nette Accessoires und Handelsware waren – was gibt es bewundernswertes?

An dieser Stelle ein Literaturtipp: Therese von Artner (1772-1892), eine ungarisch-deutsche Schriftstellerin, Tochter irgendeines Militärtieres, brachte sich selbst Italienisch bei, las in ihrer Freizeit Klopstock und Voltaire und übernahm nach dem Tod ihrer Mutter mit 24 Jahren den kompletten Haushalt, die Erziehung ihrer drei jüngeren Schwestern, die Pflege des Vaters und alle finanziellen Angelegenheiten. Veröffentlichte mit einer Freundin unter einem geschlechtsneutralen Pseudonym erste Gedichte in Jena, reiste mit 31 nach Freiburg (meine Heimat!) lies sich von Friedrich Jacobi (einem sehr einflussreichen Schriftsteller und Juristen) sponsern und nutze ihre Freundschaften zu Frauen um zu reisen. Sie heiratete nie – ihr wird Homosexualität nachgesagt, da ihre Freundinnen ihr immer wichtiger waren, als Männer (logisch, wenn Frauen Männer nicht hochschätzen MUSS etwas falsch mit ihnen sein und das ist dann offensichtlich durch die SÜNDE der Homosexualität zu erklären…….).

Diese Frau lebte zur Zeit der Weimarer Klassik und Romantik, veröffentlichte viel und dauerhaft mit einem der einflussreichsten Schriftsteller der Zeit zusammen in einer der Hochburgen der Weimarer Klassik und DER Hochburg der Frühromantik (Jena) und was lernt man über sie? Nichts. Wie sollen Kinder in der Schule lernen, dass es Frauen genauso gut können wie Männer, wenn ihnen solche Menschen vorenthalten werden?

Die Autorinnenzeit, welche vor einigen Monaten Twitter erschütterte, wäre unnötig, wenn wir alle von Anfang mehr über Frauen in der Literatur gelernt hätten. Frauen können es nämlich nicht genau so gut, wir können es besser, weil wir zusätzlich zum Schreiben noch dem Sexismus trotzen müssen. Nach Jahrtausenden der Unterdrückung ist es Zeit, endlich die Stigmen aufzuheben und Frauen in der Literatur ernstzunehmen.

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