Sexismus in der Germanistik

Die Germanistik beschäftigt sich mit dem Rezipieren von Literatur, darunter auch von weiblichen Autoren und mit Frauenbildern im Hinterkopf. Zumindest theoretisch. Dass das nicht immer der Wahrheit entspricht zeigt sich an eigenen Erfahrungen, aber auch Statistiken.

Schauen wir heute zunächst mal auf die Fakten:

Deutschlandweit sind weniger als 1/4 aller Professoren weiblich, das wurde noch Anfang dieses Jahres festgestellt. Schaue ich an meine eigene Uni sind es weniger. Gerade in der Germanistik ist das doch seltsam, oder? Meine gesamte akademische Laufbahn hinweg wurde ich von einer Dozentin und zwei Professorinnen unterrichtet – die Männer kann ich nicht zählen. Es sind zu viele.

Wie es Frauen an der Universität schwergemacht wird:

Dabei sitzen in unseren Hörsälen weit mehr Frauen als Männer. Nur werden die halt Lehrerin, Autorin, Lektorin oder bekommen Kinder und bleiben zuhause. Hört sich nach einer sexistischen „ihr-Frauen-seid-doch-selbst-schuld“-Masche an? Ist es auch. Das ist außerdem die Antwort, die ich bekam, als ich vor etwa einem Semester meinem Professor mitteilte, dass ich gerne Dozentin werden würde.

‚Wir halten euch nicht auf, aber helfen tun wir auch nicht‘ ist die Masche, welche gerade in der akademischen Betrachtung von Frauen oft gebracht wird. Frauenquote? Nein danke, aber den Frauen so helfen, wie wir es mit den Männern machen? Auch nicht.

Wir reden davon, dass wir mehr Frauen an den Unis brauchen und machen es ihnen gleichzeitig schwerer indem wir sie nicht unterstützen, sie von früh auf entmutigen und dann die Programme, welche ihnen helfen sollen, kritisieren weil eine Frauenquote ja unfair sei, dann Unqualifizierte die Jobs bekommen und überhaupt – die Besten sollen gewinnen, unabhängig vom Geschlecht.

Weil die Welt ja zum Glück auch so funktioniert.

Möglichkeiten an Frauen geben, ohne sie dann für die Ergreifung dieser zu kritisieren. Ein Konzept:

Vielleicht wäre es an der Zeit, Frauen von Anfang an als Gleichwertig zu betrachten, aber man will die liebe 60+ Germanisten-Männerwelt ja nicht überfordern.

Ein Anfang wäre es, Frauen die selben Möglichkeiten einzuräumen wissenschaftliche Artikel zu verfassen und ihre Themenwahl dann ernstzunehmen. Neben mir liegen vier Bücher für mein Studium: Eine Einführung zur Linguistik; die mittelalterliche Mythenrezeption der Romantik; eine Einführung in die Romantik und der vierte Band der deutschen Lyrik. Alle vier Bücher sind von Männern herausgebracht, nur eines der Bücher hat weibliche Mitautoren.

Betrachten wir mal diesen magischen Sammelband mit weiblichen Fachmeinungen: In dem Buch sind von 34 Artikeln 15 von Frauen geschrieben. Gute Quote, nicht wahr? Nicht wirklich, wenn man den Kommentar am Ende betrachtet. Feminismus als ernster Teil der Fachliteratur? Nicht mit uns! Das denken sich wohl die lieben Herren, die dieses Buch herausgegeben haben und allen Ernstes in den Kommentaren anmerken, dass die feministischen Bezüge eventuell über das Thema hinausgehen und allgemein eher unwichtig für das Gesamtthema seien. Es gäbe nun mal kaum weibliche Autorinnen in der Romantik und die Genderpräsentation von damals sei einfach so wie sie sei. Kein Grund das moderne Weltbild des Feminismus darauf zu projizieren.

Sexismus anzusprechen geht also nicht, weil es lange her ist. Und überhaupt. Wir waren so gütig euch Frauen Platz zu machen und jetzt schreibt ihr alle nur über Feminismus. How dare you? Man macht sich also die Mühe und räumt Germanistinnen einen Platz in der Literatur ein, nur um ihre Themenwahl dann alleinig aufgrund der Zentrierung von Frauen zu kritisieren. *seufz* Zum Glück gibt es ja noch die beiden Professorinnen, welche ich anfangs erwähnte, die beide in ihrer Freizeit auf dem Patriarchat herumtrampeln und schon so manchen wütenden Jüngling aus ihren Vorlesungen verjagt haben, da sie es gewagt haben Sexismus in der Literatur und den modernen Medien anzusprechen (gutes Beispiel: Ein Kommilitone von mir bat einmal darum, das Thema von der grausamen Rache einer vergewaltigten Frau im 14. Jahrhundert abzubrechen, da es ihm unangenehm sei. Im Gegenzug sei die eigentliche Vergewaltigung und die Unterordnung von Frauen natürlich ein Teil der Literatur, den man einfach ertragen muss, wenn man das studiert). Man kann als Frau das Getriebe der Universitäten nicht überleben und am Ende nicht Feministin sein. Und das zeigt eigentlich schon alles.

Diese Tatsachen sind es, die junge Frauen wie mich antreiben entgegen aller Erwartungen in der Uni aufzusteigen und ganze Doktorarbeiten alleinig auf dem Feminismus und den Frauen in der Literatur aufzubauen. Einfach um die alten Männer der Germanistik zu nerven!

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2 Kommentare

  1. So wichtig, so wahr, so toll.
    Vor allem dieser Satz: „Wir halten euch nicht auf, aber helfen tun wir auch nicht“ bringt es für mich einfach nur auf den Punkt und betrifft jede Universität.
    Komme aus der Erziehungswissenschaften, hier ist es ein wenig anders von der Besetzung her, aber die Männer heulen ständig herum, dass die bööösen böööösen Frauen sie nicht in Positionen lassen, für die sie nicht geeignet sind. Wie grausam. ^^

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