Landschaftsbeschreibungen in Romanen

Dieser Blogeintrag spricht ein Phänomen an, welches in (fast) jedem guten Buch auftritt, jedoch so gut wie nie diskutiert wird: Landschaftsbeschreibungen. Es gibt Guides und Hilfestellungen zu allem was sich das Autorenherz wünscht: Protagonisten, Antagonisten, das richtige Maß an Witz, Leid, Freude, Tod, etc. Aber Landschaften? Da sucht man sich halt ein Foto raus und beschreibt es, oder reist (wenn Zeit und Geld vorhanden sind) an den/einen Schauplatz um das zu beschreiben.

So einfach ist das Ganze jedoch nicht. Denn genau wie alle anderen Bestandteile in Büchern muss man auch bei Landschaften einiges beachten.

Da wäre zunächst das Genre, welches über vieles in der Landschaftsbeschreibung entscheidet. Dann gibt es noch das Zielalter, die Zeit, zu welcher ein Buch verfasst wurde und die Erzählperspektive.

Beispielhaft betrachten wir hier einmal Horror bei Bram Stokers Dracula, Fantasy bei Tolkiens Herr der Ringe und J. K. Rowlings Harry Potter und der Stein der Weisen, Kinderliteratur bei Cornelia Funkes Emma und der Blaue DschinnDrachenreiter und Christiane Sautters Mira und der Kreidestrich, sowie Franz Kafkas AmerikaMax Frischs Homo Faber und Bernard Evslins Neuerzählung von Homers Odysseus.

Zunächst zu DraculaBram Stoker lebte im 19. und 20. Jahrhundert in Irland und schrieb gotische Horrorromane. Dementsprechend verhält sich seine Sprache bei der Landschaftsbeschreibung. Er hält sich kurz und erzeugt eine kühle Stimmung, in welche sich ein Leser sofort hineinversetzen kann:

„As the evening fell, it began to get colder, and now I could only see big, black trees in the dark mist outside.“

(Als es Nacht wurde begann es kälter zu werden. Jetzt konnte ich nur noch große, dunkle Bäume schemenhaft in der Dunkelheit draußen ausmachen.) Stoker schreibt in der Ich-Perspektive. Das macht es einerseits leichter für Leser alles nachzuempfinden und sich die Landschaften bildlich vorzustellen. Andererseits verfällt man als Autor jedoch leicht ins Schwafeln, was die gesetzte Stimmung sehr leicht zerstören kann. Das veraltete Vokabular in Dracula zeichnet dem Leser ein melancholisches, zeitgerechtes Bild der düsteren Thematik des Romans.

„The sun was beginning to set behind the mountain tops, and the shadows of the men grew longer and longer on the white snow.“

(The Sonne begann sich hinter den Bergen zu setzen, und die Schatten der Männer bildeten sich länger und länger auf dem weißen Schnee ab.) Unterstützt wird die Authentizität durch den Wechsel verschiedener Perspektiven und einem dementsprechenden Wechsel der Wortwahl und der Beschreibungsarten von Landschaften und Umgebung.

Ganz anders funktionieren Landschaftsbeschreibungen im Fantasy-Genre. Hier dominieren nicht szenische Sprache und düstere Umschreibungen, sondern epische Beschreibungen und weitführende, lebendige Vergleiche. Dies zeigt sich besonders gut bei J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe. Ganze Doktorarbeiten und Seminare werden über die Landschaften bei Tolkien verfasst. Die Deutsche Tolkien-Gesellschaft bietet einiges an Material.

 „Von wandernden Schultern und rennenden Bächen im Herrn der Ringe. An so vielen Stellen konnte Alan Turner Beschreibungen von menschlichen Körperteilen und Bewegungen in der Landschaftsbeschreibung bei Tolkien entdecken, dass das reine Aufzählen allein die Zeit gesprengt hätte.“

Tolkiens Epos lebt von seiner Reisebeschreibung. Farbig, menschlich, methaphernreich, pur – er fasst Poesie in Prosa und vereint seinen Wortreichtum mit der komplexen Geographie. Die unterschiedlichen Szenen und Landschaften unterstützen dies zusätzlich. Angefangen vom hügeligen Land der Hobbits, den unterschiedlichen Wäldern, weiten Wiesen und drohenden Berge unterscheidet sich zwischen positiv behafteten, neutralen und negativen Umfeldern.

Obwohl auch J. K. Rowlings Harry Potter zum Genre der Fantasy gehört, schlägt sich hier der Unterschied in der Alterszielgruppe durch. Im Gegensatz zur Adult-Fantasy, sind die frühen Teile von Harry Potter auf Kinder und Jugendliche gemünzt. Die Sprache ist einfacher, die Metaphern besser verständlich und die Wortwahl weniger düster und episch. In jedem Teil wird die Sprache dem Alter der Zielgruppe angepasst, was den Erfolg der Buchreihe stützt. In Harry Potter und der Stein der Weisen gibt es einige fantastische Beispiele von Landschaftsbeschreibungen, welche Kinder fesseln und begeistern sollen. Angefangen bei der ‚langweiligen‘ Vorstadt-Umgebung bei den Dursleys, über die stürmische Insel, die kühlen Gänge und steilen Fahrten in Gringotts, die wunderbare Winckelgasse. hin zur fliegenden Landschaft bei der Zugfahrt zur Schule und der ständig wechselnden großen Halle. Doch nichts spricht so für die lebhafte, fantastische Landschaftssprache wie die erste Beschreibung von Hogwarts.

„Der enge Pfad war plötzlich zu Ende und sie standen am Ufer eines großen schwarzes Sees. Drüben auf der anderen Seite, auf der Spitze eines hohen Berges, die Fenster funkelnd im rabenschwarzen Himmel, thronte ein gewaltiges Schloss mit vielen Zinnen und Türmen.“

Trotz ihrer simplen Natur begeistert Rowlings Talent zu Beschreibungen Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf dem ganzen Planeten (und vermutlich auch darüber hinaus). Auch ihre Bücher leben von den Beschreibungen der Umgebungen, wenn auch auf eine völlig andere Art als bei Tolkien.

Dafür ist natürlich auch die zeitliche Diskrepanz zwischen Rowling und Tolkien verantwortlich.

Gezielte Literatur für Kinder arbeitet mit ähnlichen Merkmalen wie Rowling, setzt sich jedoch trotzdem davon ab. Mira und der Kreidestrich ist ein wundervolles Kinderbuch über die Liebe zur Erde. Christiane Sautter nutzt eine farblich angereicherte, ja fast gesättigte Sprache, bei der Beschreibung von Feldern, Wäldern und Flügen auf gigantischen Adlern.

„Unter sich sah sie den Wald liegen. Sie wunderte sich, daß sie gar keine Angst hatte, so tief nach unten zu schauen. (…) In der Ferne erspähte sie den spiegelblanken See, auf dem weiße Schiffe fuhren. Und dann die Berge! Sie blickte über die erste Bergkette hinweg. Dahinter lagen wieder Berge, und weit in der Ferne konnte sie schneebedeckte Gipfel unterscheiden.“

Sautter kombiniert die einfache Wortwahl mit persönlichen Details aus dem Leben der Protagonistin.

Cornelia Funke weist ein reiches Repertoire an Kinderbüchern mit fantastischen Landschaften auf. Drachenreiter mit seinem Wechsel an grauen europäischen Städten, mittelalterlichen Burgen, heißen Wüsten, weiten Meeren und dem wundervollen Himalaya – alles vom Rücken eines gigantischen Drachen aus;

Lilly und Flosse mit Schiffwracks und Höhlen und einer vollkommenen Welt unter Wasser; Der Herr der Diebe mit der absoluten Fantastik und Romantik, aber auch den schmutzigen Seiten Venedigs;

Igraine Ohnefurcht mit dem tollen Mittelalter-Setting und der Reise durch längst vergangene Naturstriche und Zeiten.

Kein Kinderbuch von ihr ist jedoch so Beispielhaft für ihren Sprachreichtum und ihre unfassbar schönen Geländebeschreibungen, welche Kinderaugen weiten und die Fantasie von groß und klein anregen, wie Emma und der blaue Dschinn.

„Als Emma die Augen wieder aufschlug, hing die Sonne rot über einem sehr, sehr fremd aussehenden Land. Emma sah Palmen und Türme, Kuppeln und weiße Häuser, die wie Waben eines Wespennestes aneinander klebten.“

Egal an welche Altersgruppe sich ihre Bücher auch richten, ihrer Kombination aus kindgerechter, moderner Sprache und bunten, lebhaften, szenischen Landstrichen. Sie führt Eltern und Kinder gleichsam in fremde Länder und Kulturen ein.

Jugend- und Erwachsenenromane bedienen sich einer anderen, komplexeren Ausdrucksweise. Zunächst zu OdysseusHomers Erzählung stammt aus der Antike und nutzt Beschreibungen der Landschaft nur spärlich und unterstützend zur Handlung. Trotzdem untermalt seine Naturbeschreibung die Lebhaftigkeit der Erzählung.

Auch hier ist die Sprache einfach gehalten, jedoch auf eine ganz andere Art und Weise, als in der Kinderliteratur. Kinderbücher sind reich an Metaphern und Vergleichen, Erwachsenenliteratur hingegen stützt sich auf Nomen-ergänzende Adjektive.

Max Frisch und Franz Kafka sind beide sehr nüchtern in ihrem Wortschatz. In Homo Faber soll dies den Charakter des Protagonisten ausdrücken. Die Sprache verrutscht im Laufe des Romans in Relation zu seinen Erfahrungen.

„Als der Mond aufging (…) zwischen schwarzen Agaven am Horizont, hätte man noch immer Schach spielen können, so hell war es, aber plötzlich zu halt; wir waren hinausgestapft, um eine Zigarette zu rauchen, hinaus in den Sand, wo ich gestand, daß ich mir aus Landschaften nichts mache, geschweige denn aus einer Wüste.“

Frischs Charakter ist ein nüchterner, wortkarger Mann, welcher zu jeder Zeit vollkommen rational handelt und spricht. Die Welt aus seinen Augen zu beschreiben führt Frisch zu einem rohen, fast brutalen Sprachbild, was sich erst ändert, als der Protagonist gebrochen und emotional ist.

Kafka schreibt auf eine ähnliche Art und Weise. Bei ihm ist es jedoch auf seinen eigenen Charakter zurück zu führen. Landschaftsstriche sind rar und knapp gezeichnet, die Fantasie fehlt. Vieles ist grau, riecht abstoßend und liest sich repetitiv, wobei dies den Leser nicht langweilt, sondern fasziniert. Kafka hat es gemeistert den Leser mit Eintönigkeit anzulocken, statt abzustoßen, da es seinen speziellen Schreibstil stützt. Denn trotz allem sind seine Beschreibungen zielführend. Auch wenn er keine blumige Sprache nutzt, welche dem Leser die Welt in den Romanen vormalt, so werden seine Landschaften dem Rezipienten wie von einem Architekten akribisch vorgezeichnet.

„Große Schiffe kreuzten gegenseitig ihre Wege und gaben dem Wellengang nur so weit nach, als es ihre Schwere erlaubte. Wenn man die Augen klein machte, schienen diese Schiffe vor lauter Schwere zu schwanken. Auf ihren Masten trugen sie schmale, aber lange Flaggen, die zwar durch die Fahrt gestrafft wurden, trotzdem aber noch hin und her zappelten.“

Er ist nicht ausschweifend und fantasievoll genug, um es dem Leser zu erlauben, sich in die Figuren zu versetzen, aber detailliert und technisch genug um zu zeigen, dass sich ein Leser gar nicht in den Protagonisten hineinversetzen muss. Es reicht vollkommen die Reise von Karl Roßmann von Außen und doch durch ihn hindurch zu betrachten/erleben.

Bei guten Landschaftsbeziehungen ist es wichtig, mit Vergleichen zu arbeiten, welche dem Leser noch Raum für die eigene Vorstellung lassen. Gleichzeitig müssen komplexe Landstriche gut genug vorgezeichnet werden, um es Rezipienten zu erlauben, die Gedanken und Vorstellungen nachvollziehen zu können. Dabei ist Zielgruppe und Genre das A und O. Wie man an den Beispielen sieht gibt es tausende Formen und Arten Landschaften zu umschreiben. Gewaltige, epische Sprache, einfache, bunte Ausdrücke oder kühle, distanzierte Beschreibungen.

Jeder Autor muss seinen eigenen Stil für Landstriche und Umfeldsbeschreibungen erfinden. Wortwahl, Metaphern und Adjektive entscheiden dabei über Anschaulichkeit und Lesevergnügen. Ob man sich also auf Pinterest Bilder heraussucht für die eigene Fantasie, zu Orten reist, welche einen inspirieren oder sich alles einfach ausdenkt – nichts verleiht Romanen so viel Leben wie die Darstellung der Orte und Landschaften.

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