Frauen in der Liebesliteratur

Hat sich jemand von euch eigentlich schon mal gefragt, warum wir es als normal ansehen, dass Liebe in der Literatur als so obsessiv gesehen wird? Warum lesen wir Gedichte, Theaterstücke und Bücher in denen der männliche, charismatische und düstere MannTM die hörige, willige und trotzdem sture FrauTM regelrecht erjagt, sie als Eigentum betrachtet und sich über ihren Unwillen lustig macht? Jede Frau will das, richtig? Nein bedeutet eigentlich ja, aber wenn sie das so einfach sagen würde, wäre sie ja uninteressant, weil sie dann bei jedem ‚auspackt‘.

Heute, am vierten Tag der #Autorinnenzeit betrachten wir typische Tropen in der Literatur, die Liebe und Frauen betreffend. Genauer, woher die Rollenverteilung in Liebesgedichten kommt.

Kurze (und vereinfachte) Geschichtsstunde. Minnelyrik wird oft als Grundlage der Liebeslyrik gesehen, sie umfasst die Liebesgedichte des Mittelalters, in welchen Männer eine Dienerposition zu einer höhergestellten Frau einnehmen und ihre Treue, Liebe und Unterwürfigkeit in Liedern darstellen. Die Männer besingen dabei die Schönheit der Frau (mitunter aufgrund des mittelalterlichen Glaubens, dass Schönheit mit adeligem Blut einhergeht), beschreiben, wie sie sie einnimmt und nicht mehr fortlässt. Dabei ist das Motiv des Leidens großgeschrieben, da eine Beziehung niemals zulässig wäre (außer bei den späteren Tageliedern). Dabei kommt die Frau selten zu Wort, wird stets bewundert und verflucht. Sie ist… naja. Sie ist halt da. Und der Mann reagiert, leidet und ist, obwohl sie im Mittelpunkt steht, trotzdem der Hauptcharakter.

Wo das Ganze interessant wird, ist beim Konsens der Frau. Der fehlt nämlich fast immer. Klar gibt es besungene Frauen, die die Aufmerksamkeit in den Liedern schätzen. Allerdings gibt es mehr, die sich wehren. Berechnet man den Fakt mit ein, dass die Frauen in den (von Männern geschriebenen) Minneliedern fiktiv sind, ist das eine sehr seltsame Feststellung. Man schreibt sich eine Geliebte zusammen, die zu weit entfernt ist, aber das Gesinge ganz schön findet – ok. Aber eine Frau die sich wehrt? Eine die sagt: Nein, geh bitte weg? Wieso schreibt man so was?

Ich denke wir alle kennen die Wahrheit.

Schon seit der Antike steckt eine gewisse Faszination in einer Frau, die keinen Bock auf einen Mann hat. Voyeurismus, Vergewaltigungen und Annäherungen gegen ihren Willen sind so oft Thema in der Weltliteratur, dass es einem schwerfällt nicht zu verstehen, wieso sich an dem Prinzip ‚Männer sind halt so‘ bisher nicht wirklich etwas verändert hat.

Siehe Amerika und Trumps ‚Grab em by the pussy‘.

Catull, v. d. Vogelweide, Petrarca, Opitz, Shakespeare, Hoffmannswaldau, Goethe, Mann, Brecht, Frisch – und heute diskutieren wir darüber, ob eine Vergewaltigung Gegenstand eines Buches/Gedichtes/Theaterstücks sein darf, ohne sie schlecht darzustellen. Ob es okay ist, ‚dunkle‘ Fantasien (die überraschenderweise irgendwie immer nur die Frauen verletzten und diskriminieren) ohne Warnung, psychologischen Hintergrund und ein richtiges Vor- und Nachwort in dem man Mädchen erklärt, dass sie sich Hilfe suchen sollen, wenn ihr Freund sie so behandelt (oder vice versa) zu veröffentlichen.

Klar kann jeder machen und schreiben was er/sie will. Aber die Schäden die wir dadurch hervorrufen sind so real und furchtbar wie die, die seit der Antike das Frauenbild der Gesellschaft beeinflussen. Ich sage nicht, dass man keine Erotik lesen soll/darf. Aber aktiv darauf achten, dass in den Büchern Konsens herrscht, keine ekelhaften Machtspielchen die Frau unterdrücken und wenn doch, dass Ganze nicht als ‚so muss es sein‘ sondern als schrecklich und illegal dargestellt wird – ich denke das darf man erwarten.

Gerade Lyrik hat über die letzten Jahrtausende dazu beigetragen, dass wir solches Verhalten als gut und ‚Teil der Literatur‘ mit dem man sich abfinden muss‘ betrachten. In den letzten Jahrhunderten wurde es schlimmer, da viele Frauen jetzt genau das gleiche schreiben, weil es sich verkauft, sie es nicht besser wissen, ihnen nie gezeigt wurde, dass man so nicht mit sich umgehen lassen muss oder es ihnen egal ist. Frauen wie Frida Kahlo waren es, die Lyrik auf eine Art verfassten, die pur war. Niemand wird unterdrückt und wenn doch, dann ist es nicht die Schuld der Gesellschaft. Solche Lyrik brauchen wir. Und solche Bücher müssen wir schreiben. Damit Literaturstudent*innen, Schüler*innen und Bücherwürmer in der Zukunft nicht den ganzen Tag lang das Selbe lesen müssen, wie meine Generation.

Wann wurde es akzeptabel, dass man Stalking, Voyeurismus, Fetischauslebung ohne beidseitigen Konsens und Gaslighting als normal betrachtet? Gegenfrage: Wann haben wir es jemals nicht akzeptiert? Natürlich kann man als besorgter Mensch jetzt sagen: Meine Kinder werden so was niemals lesen. Aber was ist mit denen, die keine solchen Eltern haben? Wie viele junge Mädchen wachsen auf mit der Vorstellung, dass ein Junge sie liebt, wenn er sie schlägt?

Dieser Beitrag ist vielleicht nicht gerade schmeichelhaft, weder für die Männer seit der Antike, noch für die Frauen der Neuzeit. Aber es liegt an uns, gute Beispiele zu bringen. Wir Autoren und Autorinnen, die gegen solche Werte stehen, müssen die Bücher und Gedichte schreiben, auf die man sich in 200 Jahren beruft, wenn man vermutlich noch immer an den selben Problemen sitzt wie wir heute.  

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